Archive for March 2012

Wargame: European Escalation [PC]

March 10, 2012

Das schwere dritte Album

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Nach Act of War (2005) und R.U.S.E (2011) kommt mit Wargame: European Escalation ein weiteres Echtzeitstrategiespiel aus der Feder von Eugen Software, einem Pariser Softwarestudio. Eugen sucht seit jeher nach etwas unkonventionellen Gameplayelementen, welche in eher traditioneller Echtzeitstrategie (siehe: Starcraft II) kaum Anklang finden. Auch bei Wargame: European Escalation ist es nicht anders, wobei vieles an den indirekten Vorgänger R.U.S.E erinnert – doch der Mix ist diesmal weit besser gelungen.

Riesige Karten gilt es zu erobern

Riesige Karten gilt es zu erobern

Wieder einmal wird auf gigantischen Karten gekämpft und erneut unterteilt sich das Gelände grundlegend in drei Bereiche: Freie Wiesen, dichter Wald sowie kleinere und größere Städte durchsetzen die großen Abschnitte. Auf der Karte verläuft ein eng verknüpftes Straßennetz und einzelne Felder sind oft durch Hecken oder dichtes Gestrüpp voneinander getrennt. Auf diesen Karten wird der kalte Krieg plötzlich sehr heiss und die Größenordnung ist enorm: Man kämpft nur selten mit einzelnen Panzern, vielmehr schiebt man Verbände hin- und her und versucht den Feind im großen Stil auszumanövrieren. Hierbei hat man Dank der frei zoombaren Kamera ständig den vollen Überblick, jedoch gleichzeitig auch genug Detail um einzelnen Einheiten besondere Aufgaben zu erteilen. So hat der Spieler die volle Kontrolle über seine Einheiten – meistens zumindest, denn ein komplexes Moralsystem bringt Einheiten dazu, unter schwerem Beschuss falsche Entscheidungen zu treffen, woraufhin sich diese für eine gewisse Zeit nicht mehr befehligen lassen. Die Steuerung und Spieltiefe ist im Vergleich zu R.U.S.E stark verbessert worden, wohl auch weil sich die Entwicklung nur auf den Spielerechner beschränkte und kein Balanceakt zwischen Konsole und Rechner angestrebt wurde.

Jeder Einheit des Fuhrparks hat eigene Werte

Jeder Einheit des Fuhrparks hat eigene Werte

Unter der Haube werkelt hier ohnehin ein sehr detailliertes System, bei dem jede Einheit andere Werte in Bereichen wie Panzerung, Feuerkraft oder Präzision inne hat. So gelingt es den Entwicklern gleich acht Nationen vorzustellen, welche sich in die beiden Lager der NATO und des Warschauer Paktes teilen, und allen Nationen eigene Einheiten inklusive deren verschiedensten Varianten zu verpassen, ohne dass diese wie genaue Kopien ihres Gegenüber erscheinen. Jede Einheit hat eine Daseinsberechtigung und so liegt es am Spieler, das Für und Wider der einzelnen Einheiten genau ab zu wägen. Dieser muss sich nämlich für die Mehrspielerrunden ein Deck zusammen stellen, bei dem er maximal 25 verschiedene Einheiten (und deren Varianten) einpacken kann – taktische Überlegungen sind demnach vorprogrammiert: Nimmt man nun die teureren, schweren Panzer, welche man nur begrenzt einsetzen kann, oder schnappt man sich doch lieber billigere, leichtere Infanterie? Die Kombinationsvielfalt ist gewaltig.

Die weissen Sektoren gilt es, zu erobern. Der Pfeil zeichnet diesen Sektor als "Nachschubssektor" aus.

Die weissen Sektoren gilt es, zu erobern. Der Pfeil zeichnet diesen Sektor als "Nachschubssektor" aus.

Auf den Karten angelangt gibt es für viele Strategieveteranen bereits einen kleinen Schock: Es gibt nahezu keinen Basisbau im traditionellen Sinne, das einzige Gebäude welches platziert werden kann ist ein sogenanntes FOB, ein Nachschublager. Ressourcen werden auch nicht mehr gesammelt sondern der Spieler erhält seine Credits abhängig von den Sektoren, welche er kontrolliert. Diese Sektoren sind fair auf den Karten verteilt und spucken alle 4 Sekunden einen festen Wert an Punkten aus, welche die kontrollierende Fraktion erhält. Der Knackpunkt hierbei: Nur bestimmte Kommandoeinheiten können diese Sektoren besetzen und sind dabei vergleichsweise hilflos, da sie ohne Bewaffnung daher kommen, oft nur langsam vom Fleck kommen und nur spärlich gepanzert sind. Da sie überdies äusserst teuer und streng limitiert sind muss stets auf feindliche Bewegungen geachtet werden. Ist der Sektor erst einmal weg bricht oft gleich eine gesamte Flanke ein.

Der Kampf entbrännt; Einheiten werden verschoben, Nachschub wird angefordert; Es ist Krieg.

Der Kampf entbrennt. Einheiten werden verschoben, Nachschub wird angefordert; Es ist Krieg.

Hat man jedoch genug Punkte gesammelt um die gewünschte Einheit zu kaufen, so erscheint sie am Rande der Karte über eine Nachschubstrecke, welche mit großen weissen Pfeilen gekennzeichnet sind. Die Einheiten nehmen hierbei stets den nächstgelegenen Eintrittspunkt, man sollte also tunlichst darauf achten, dass die Zufahrtswege auch wirklich frei sind – viele Spieler haben schon teuren Nachschub verloren, da sich in den Wäldern um die Wege herum immer noch feindliche Einheiten aufhielten. Apropos Nachschub: Die FOBs haben selbstverständlich einen Zweck. Alle Einheiten im Spiel besitzen eine festgelegte Menge Treibstoff und Munition und diese gilt es, sofern möglich, stets aufgefüllt zu haben. Nichts ist schmerzlicher als eine Panzeroffensive welche auf offenem Feld zum Erliegen kommt, da die Fahrzeuge mit leeren Benzintanks dastehen. Hierfür bietet das Spiel einige besondere Nachschubeinheiten, welche die benötigten Ressourcen zu den Kampfverbänden befördern sollen. Da diese Einheiten aber hochempfindlich sind und leicht vom Feind übernommen werden können gilt es auch hier, äusserste Vorsicht walten zu lassen. Endlich gibt es also eine echte Nachschublinie in einem Strategiespiel, welche man auch abschneiden kann – so kann man theoretisch überlegene Feinde einfach aushungern.

Dieser Flakpanzer hat einen Nachschublaster im Schlepptau - so geht ihm nie die Puste aus.

Dieser Flakpanzer hat einen Nachschublaster im Schlepptau - so geht ihm nie die Puste aus.

Gespielt wird bis zu einer bestimmten Punktzahl oder auf Zeit, in beiden Fällen wird der entsprechende Wert bereits vor Beginn der Runde festgelegt. Da die einzelnen Runden aber zumeist mehr als 20 Minuten dauern, ist Spannung quasi garantiert. Wargame: European Escalation gelingt es, einen bewaffneten Konflikt wirklich packend darzustellen, sodass selbst in den eher ruhigen Phasen zwischen den Kämpfen ein emsiges Treiben herrscht, da jeder Spieler einen Vorteil erhaschen will. Da alle Karten für sämtliche Spielmodi und für die maximale Anzahl von 8 Spielern freigegeben sind kommt auch nicht so schnell Langeweile auf, auch aufgrund der Tatsache, dass jeder Spieler ein unterschiedliches Deck verwendet.

Der Konflikt zwischen der BDR und der DDR spitzt sich zu.

Der Konflikt zwischen der BDR und der DDR spitzt sich zu.

Neben dem Mehrspielermodus gibt es noch vier Einzelspielerkampagnen und ein Spielmodus gegen die KI. Die Kampagnen selbst sind sehr durchdacht und gut gescriptet und spielen zu verschiedenen Zeitperioden, wodurch vier „Was wäre wenn“-Szenarien entstehen: Was, wenn der Warschauer Pakt gnadenlos die Solidarnosc-Bewegung in Polen militärisch unterdrückt hätte? Was, wenn das „Able-Archer“-Manöver der NATO als Säbelgerassel verstanden worden sei und übereifrige Generäle einen Präventivschlag ausgeführt hätten? Die Szenarien sind demnach zwar einerseits leicht makaber, da sie zeigen wie leicht es zum offenen Konflikt hätte kommen können, andererseits verpassen sie den Missionen eine gewisse Brisanz und einen (wenn auch geringen) Wahrheitsgehalt. Die Spiele gegen die KI hingegen bieten vor allem die Möglichkeit, neue Einheiten oder gar ein vollkommen neues Deck auf den Karten des Mehrspielermodus auszuprobieren.

Beiden Spielmodi ist jedoch ein Problem gemein. Die KI ist schon fast „zu gut“, was eine leichte Ursache hat: Sie kennt zu jeder Zeit die genauen Positionen aller Einheiten und kann so tödliche Präzisionsangriffe auf wichtige Einheiten führen, Fallen umgehen und nur dort angreifen, wo sie einen klaren Vorteil besitzt. Besonders dramatisch ist dies in der Kampagne, wo jede verlorene Einheit für zukünftige Missionen nicht mehr zur Verfügung steht. Somit ist es sehr ärgerlich wenn eine besondere Einheit durch einen präzisen Artillerieschlag ausgeschaltet wird, obwohl weit und breit kein Späher zu sehen ist. Dennoch gestalten sich die Kämpfe gegen die KI sowohl in der Kampagne als auch in der Feldschlacht sehr abwechslungsreich und bieten den idealen Einstieg für neue Spieler, welche mit der Spielmechanik noch nicht sehr vertraut sind.

Der Detailgrad ist, gemessen an der Größe des Geschehens, enorm.

Der Detailgrad ist, gemessen an der Größe des Geschehens, enorm.

Wargame: European Escalation bringt eine willkommene Abwechslung in ein Genre, welches sich in den vergangenen Jahren nur schwer von der Stelle zu bewegen schien. Die Kämpfe sind erfrischend leicht zu steuern und schwer zu meistern, die taktische Tiefe ist riesig und Fehler sind oftmals nicht gleich tödlich, haben aber dennoch einen Einfluss auf das Spielgeschehen. Das Gameplay läuft auf einer angenehmen Geschwindigkeit und man muss nicht die Reaktionsgeschwindigkeit einer Wüstenmaus haben, um gut mithalten zu können. Eine klare Empfehlung also für alle Strategiefans.

TL/DR

Eugen Systems präsentiert mit Wargame: European Escalation ein Strategiespiel im Setting des Kalten Krieges. Anders als im echten Leben geht es hier aber eher heiß her und so prallen NATO und der Warschauer Pakt waffenstarrend aufeinander. Der Spieler soll hier die Kontrolle über riesige Spielkarten erlangen, welche sich oftmals über mehrere hundert Quadratkilometer erstrecken. Damit die Übersicht nicht verloren geht nutzt das Spiel eine beeindruckende Engine, mit der stufenlos heran- und herausgezoomt werden kann. So hat der Spieler stets alles im Blick. Da es keinen Basisbau und keine Ressourcensammler gibt, muss der Spieler einzelne Sektoren kontrollieren um Nachschub zu erhalten. Dieser erreicht das Kampfgeschehen über die Spielfeldkante, man sollte also stets auf den Nachschub achten.

Der Fuhrpark beider Fraktionen gestaltet sich sehr unterschiedlich, ist aber grundsolide und gut ausbalanciert. Teure, stärkere Einheiten gibt es zwar, diese sind aber durch Preis und Verfügbarkeit stark eingeschränkt. Alle Einheiten besitzen ein eigenes Werteprofil und müssen stets kampfbereit gehalten werden, sodass der Spieler Nachschub in der Form von Benzin und Munition herantragen muss. Geht dieser Nachschub verloren oder wird er gestohlen, steht es oftmals schlecht um den Kampfverband.

Das Gameplay fällt in die Kategorie: Leicht zu lernen, schwer zu meistern. Hierbei helfen vier Kampagnen mit jeweils 5 Missionen sowie ein Spielmodus gegen den Computer, bei dem man erste Manöver unter Gefechtsbedingungen durchführt, ehe man sich in den Mehrspielermodus wagt. Hier bietet das Spiel Matches mit 7 Mitspielern, wahlweise bis zu einem gewissen Punktewert oder auch Gegen die Uhr. Die Kämpfe sind intensiv, die Ruhepausen nur selten. Für Taktik- und Strategiefans eine klare Empfehlung, da das Spiel viel taktisches Können und richtige Entscheidungen belohnt.

13/04

Mittlerweile, knapp zwei Monate nach Veröffentlichung, zeigt sich, dass die Entwickler viel Arbeit in den Titel investieren und ihn somit langfristig am Leben erhalten wollen. Inzwischen sind bereits einige Patches erschienen, welche mehrere Probleme gelöst haben und auch die Balance der Einheiten und Karten gehörig verbessert haben. Hinzu kommen kostenlose Zusatzinhalte in der Form von neuen Karten und einem neuen Spielmodus, sodass dem Spiel wohl eine rosige Zukunft vorausgesagt werden kann, denn in dem Genre der Echtzeitstrategie überlebt nur, wer ein starkes Verhältnis zwischen Entwicklerteam und Spielergemeinde aufweisen kann, um Probleme schnell zu lösen.